Geliebte Spießer
Gartenzwerge sind einfach nicht auszurotten!
Rote Zipfelmütze, weißer Rauschebart und runde Bäckchen, das sind die Kennzeichen des Gartenzwergs. 25 Millionen von ihnen sollen in deutschen Gärten stehen - von den einen geliebt, von den anderen als spießig verachtet. Aber wie kam der Zwerg eigentlich in den Garten?
Der germanischen Mythologie zufolge bevölkern Zwerge die Tiefe der Erde. Sie steuern die unterirdischen Naturkräfte und hüten Gold, Silber und Edelsteine, so wie Zwerg Alberich im Nibelungen-Lied über das Rheingold wacht. Ihr unermesslicher Reichtum, ihre Klugheit, ja Gerissenheit sind Gegenstand vieler Märchen. Der Glaube an die Kräfte der Unterirdischen hielt sich in den Köpfen der Menschen, auch wenn die Kirche ihn auszumerzen suchte.
Als Ausdruck von Macht und Reichtum umgaben Könige und Fürsten sich in der Renaissance und im Barock gern mit Absonderlichkeiten, um sich und andere zu unterhalten. Wilde und exotische Tiere, fremdländische Menschen und Gaukler zogen sie an ihre Höfe. Besonders begehrt waren kleinwüchsige und verkrüppelte Menschen. Sie galten als Glücksbringer und hatten als Spaßmacher den Hof zu vergnügen.
Begeisterten sich die Mächtigen für die lebendigen Zwerge, stellten die wohlhabenden Bürger Zwergenstatuen in ihren Garten. In Goethes „Hermann und Dorothea” von 1797 lässt sich das nachlesen. Im Kapitel „Thalia” spricht ein Apotheker von der Bewunderung, die er für seine Figuren einheimste: „So war mein Garten auch in der ganzen Gegend berühmt und jeder Reisende stand und sah durch die roten Staketen nach dem Bettler von Stein und nach den farbigen Zwergen”.
Waren diese Zwergenfiguren ernst gemeint, nutzten Maler und Zeichner die Darstellung grotesker Menschengestalten als Möglichkeit, zu karikieren. Berühmt waren Mitte des 17. Jahrhunderts die Zwergen-Zeichnungen des Grafikers Jacques Callot. 50 Jahre nach seinem Tod erschienen weitere 55 Kupferstiche unter seinem Namen als „Callots neu eingerichtetes Zwergenkabinett”. Diese Stiche hatten es in sich. Sie karikierten bekannte Personen und stellten sie mit bissigen Kommentaren bloß. Das Buch wurde zum Bestseller und löste einen wahren Zwergenboom aus. Die Zwerge zierten Ofenkacheln und wurden aus Lebkuchen und Marzipan geformt. Auch die Meißner und ‘Wiener Porzellanmanufakturen beeilten sich, Zwerge herzustellen.
Ballspieler, Landsknechte, Sänger, Jäger, Handwerker, Obstweiblein tummelten sich im Grünen. Etliche von ihnen trugen die Physiognomie eines Hofmitglieds, das sich durch Eitelkeit, Klatschsucht oder Hinterhältigkeit ausgezeichnet hatte. Lachte Harrach über die Figur, konnte sich der Dargestellte kaum wehren. Die Popularität der Zwerge steigerte das ungemein. Aber noch blieben sie ein exklusives Vergnügen.
Heute gibt es die Zwerge auch aus Kunststoff. Figuren aus Fernost machen den heimischen Gestalten Konkurrenz. Außerdem sind neben die sentimentalen Zwerge auch wieder Karikatur und Ironie getreten: Mit Stinkefinger oder herabgelassener Hose treten die Kleinen gegen die verklärte Idylle an und schafften es mit den Gesichtern von Politikern und Prominenz versehen, bis ins Bonner Haus der Geschichte.
Posted: April 10th, 2008 under Garten.
Comments: 2
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Comment from kmyaxadg
Time: 19. April 2008, 08:36
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